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„La Traviata“ 

Amoral, Tuberkulose und Zombies

 

14.Juni.2019

Wo liegt eigentlich das Problem, Verdis „La Traviata“ stückkonform zu inszenieren? Es fängt wohl schon damit an, daß der Unterschied zwischen Kurtisane und Prostituierter heutzutage anscheinend schwierig zu verstehen bzw. zu vermitteln ist.

In Lübeck ging es daher auch gleich zu Beginn audiovisuell richtig zur Sache, was sich durch den kompletten Abend zog. Auf dem Hamburger Kiez wäre es vermutlich teurer gewesen als unsere Karten an diesem Abend, aber die Qualität der entsprechenden Darbietung war auch eher schwach. Nach dem entsprechend unterstützten Brindisi gab nicht einmal den Ansatz von Applaus – irgendwie auch eine Leistung.

María Fernanda CASTILLO hinterließ als Violetta einen zwiespältigen Eindruck. Grandios war sie in der Konfrontation mit Giorgio Germont, und auch in „Gran Dio! morir sì giovane“ hörte man das an Kraft, Leidenschaft und vokalen Farben, was schon im letztjährigen Weihnachtskonzert so gut gefallen hatte. Leider vermisste man jedoch Geläufigkeit und Leichtigkeit in der Stimme. Ihr im letzten Akt Angela SHIN (Annina) auch gesanglich zur Seite zu stellen, sie übernahm Teile von Violettas Passagen, war letztlich vielleicht unklug, denn die junge Sängerin verfügt über jene stimmliche Flexibilität, ein gutes Gespür für die Entwicklung selbst einer kleinen Partie und eine unglaubliche Bühnenpräsenz.

Jaesig LEE begann den Abend vielversprechend. Sicher war er nicht der großartigste Alfredo, den man je gehört hat, aber solide im Klang, hin und wieder auch mit Schmelz in Stimme und anhörbaren Ausbrüchen. Leider baute er nach der Pause stimmlich ab und schien sich auch weniger im Konzept zurechtzufinden.

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@mittelloge.de​

KONZERT Mainzer Kammerorchester und Landesjugendchor präsentieren

Glucks „Atto d’ Orfeo“

19.Sep.2016

MAINZ - Mit Spannung war sie erwartet worden. Die Mainzer Erstaufführung von Christoph Willibald Glucks „Atto d’ Orfeo“ an der Hochschule für Musik, eine weitere gab es am folgenden Abend in St. Peter.

Gluck hatte seine Oper „Orfeo ed Euridice“ 1769 für eine Fürstenhochzeit zu Parma umgeschrieben. Die Hauptveränderung, welche er vornahm, war die Transposition der Titelrolle von der Alt- in die Sopranlage. Christian Rohrbach, Dirigent des „Atto d’Orfeo“ in Mainz, hatte im Vorfeld daher erklärt, dass man es nicht mit „völligem Neuland“ zu tun habe. Auch die Tatsache, dass das Publikum eine konzertante Darbietung hören sollte, schreckte ihn nicht. „Ich vertraue ganz auf unsere Interpreten und die Kraft der Musik“, sagte Rohrbach im Gespräch mit dieser Zeitung. Er sollte Recht behalten. Vor dem geistigen Auge des Zuhörers inszenierten die ausführenden Musiker die Oper mit großer Ausdrucksstärke. Die Peterskirche in ihrer barocken Pracht war freilich ein herrlicher Aufführungsort.

Das Mainzer Kammerorchester unter Christian Rohrbach und der Landesjugendchor Rheinland-Pfalz holten den „Atto d’Orfeo“ aus dem 18. Jahrhundert in die Gegenwart. Dessen zentrale Frage, wer stärker sei, der Tod oder die Liebe, bleibt bestehen. Oftmals trug in der Kunstgeschichte der Tod den Sieg davon, viele Menschen stimmen dieser Einschätzung des Kräfteverhältnisses, wenn auch mit Schauder, zu. Nicht so Gluck. Zumindest in seiner Oper lässt er die Liebe siegen.

Drei beeindruckende Solistinnen

Das Orchester evozierte die bukolische Landschaft, in welcher sich die Handlung entspinnt. Überragend war die Leistung der Solistinnen. Die drei Sopranistinnen destillierten aufs Anmutigste die Essenz ihrer Figuren. Allen voran Tabea Graser, die die Partie des leidgeprüften Orpheus, der wund vor Schmerz, aber nicht hoffnungslos ist, mit einem dunklen Timbre sang. Mit lustvoller Macht und Schärfe versah Maria Dehler den Amor, der den Liebenden wohl gesonnen, sich seiner absoluten Überlegenheit indes bewusst ist. Angela Shin verlieh der Eurydike eine Aura von Nachttrunkenheit und Entrückung.

Während sich Orpheus und Eurydike vornehmlich voller Innerlichkeit an den Hörer wenden, untermalt der Chor ihre Emotionen, haucht dem Geschehen eine noch stärkere Dramatik ein. Diesem Anspruch wurde der Landesjugendchor Rheinland-Pfalz, mit dem Andreas Ketelhut das Werk einstudiert hatte, voll und ganz gerecht. Unter Rohrbach trug das Orchester die Sängerinnen und Sänger teils mit einem machtvollen Impetus, der sehr schön mit jenen Stellen kontrastierte, an welchen Grasers Gesang von der Harfe begleitet wurde. Ein beständiges Wandeln zwischen Verdammnis und Erlösung. Während des Schlusschors wurden die Fresken der Kirche hell ausgeleuchtet.